Joe McNally – Sketching Light (Die Möglichkeiten der Blitzlicht-Fotografie)


von Birgit-Cathrin Duval aka takkiwrites

Bei Joe McNally fallen mir Assoziationen wie “The Godfather of Speedlights” oder “Lord of small flash” ein. Das mag für manche übertrieben oder gar schwärmerisch wirken. Für jemanden, der seit Jahrzehnten die Kapazitäten kleiner Aufsteckblitze auslotet und ständig mit den Möglichkeiten experimentiert, halte ich die Bezeichnung für angemessen. McNally machte seine ersten Schritte als Fotojournalist mit einer gebrauchten Leica und 35 mm Objektiv. Über 35 Jahre ist das her und noch immer ist er im Geschäft. Für National Geographic Magazin als Fotograf oder als Fotolehrer für Kelby Training oder Nikon. McNally ist Autor der Bücher “The Moment it Clicks” (Der entscheidende Moment” und “The Hot Shoe Diaries” “Groß inszenieren mit kleinem Blitz).

Nun liegt sein drittes Buch vor: Sketching Light – An illustrated Tour of the Possibilities of Flash. Wir haben uns die englische Version angesehen.

Mit den Jahren hat McNally an Gewicht zugelegt. Kam sein erstes Buch noch mit 800 Gramm aus, hatte das zweite bereits 200 Gramm mehr zwischen den Buchdeckeln. Sketching Light hat nochmals an Inhalt draufgepackt: Satte 1,2 Kilogramm hat der gewichtige Schmöker auf den Rippen. Auch der Preis ist nicht ohne: Derzeit ist das Buch für 27,95 Euro auf Amazon zu haben.
Leichter für Geldbeutel und Hände ist die Kindle-Version für 20,96 Euro.

Wenn Joe McNally über Licht spricht, hört sich das in etwa so an, als spreche ein Sommelier über die Qualität von Wein. McNallys Licht ist cremig, wütend, leicht, sanft, offen, verstreut, scharf, intensiv, gleichmäßig, schmissig, schmeichelnd, leicht wie eine Feder oder flach wie ein Pfannkuchen, frontal, schreiend, manchmal rattert es wie ein Güterwaggon, dann wiederum schwappt es wie eine Brandungswelle heran. Der Unterschied zwischen indirektem und direkten Blitz hört sich bei McNally so an: Leichter Sommerregen und garstiger Gewittersturm mit Blitz und Hagel.

Unter uns gesagt – McNallys Wortwahl in seinen beiden ersten Büchern fand ich etwas, nun ja, gewöhnungsbedürftig. Der Amerikaner schreibt mit kesser Feder, so wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das mag nicht jeder. Beim nun vorliegenden dritten Buch habe ich mich an seinen Schreibstil gewöhnt oder aber McNally hat etwas an seiner Ausdrucksweise geschliffen. Vermutlich beides.

Sein neustes Buch macht Spaß. Vorausgesetzt man findet eine gute Anatomie, den 1,2 Kilogramm Brocken halbwegs handlich ohne Muskelkrämpfe zu lesen.
Sketching Light ist keine Fortsetzung der beiden Vorgänger. Wer noch kein McNally Schmöker sein eigen nennt, kann getrost mit dem jüngsten Buch einsteigen. In den ersten Kapiteln erläutert der Fotograf wie Blitzgeräte und verschiedene Lichtformer wie Schirme und Boxen eingesetzt werden und welches Licht sie produzieren.
Obwohl Joe McNally sehr anschaulich an einem Modell und dem Einsatz von einem Blitzgerät die Wirkung von Licht erklärt (indem er erst einmal direkten Blitz verwendet) ist die Lektüre nicht für Anfänger gedacht. Der Leser sollte in der Anwendung von Kamera und Blitzgeräten bewandert sein, ansonsten macht das Buch wenig Spaß und wirft mehr Fragen als Antworten auf.

In den einzelnen Kapiteln erklärt der Autor anhand verschiedenster Aufnahmesituationen welches Licht er einsetzt und mit welchen Mitteln er es bearbeitet, bis ihm die Qualität gefällt. Außenaufnahmen in Island, Studioportraits, Outdoor-Sportaufnahmen, Bars. Diagramme und Fotoaufnahmen vom Set stellen dies anschaulich dar. Aufgelockert wird das Buch durch witzige Anekdoten aus seinem Leben als Fotojournalist. Es ist kein Buch, das von vorne bis hinten durchgelesen werden muss. Jedes Kapitel ist in sich geschlossen.

Was mir besonders gut gefallen hat: McNally schreibt über die Herausforderungen, zu jeder Zeit in jeder Situation und an jedem Ort exzellente, aussagekräftige Fotografien zu produzieren. Sich inmitten einer Situation zu finden, in der das Leben pulsiert und man keine Ahnung hat, wohin mit der Kamera. Jenem Moment, in dem das einzige, das du mit vollkommener Sicherheit weißt, der Fakt ist, dass du das falsche Objektiv auf der Kamera hast. Beim Lesen solcher Sätze atme ich auf. Selbst Fotogiganten wie McNally geht es so. Licht ist und bleibt eben Licht. Was heute funktioniert wird morgen wieder ganz anders aussehen. “Wie mit allem was mit Fotografie zu tun hat – es ist immer eine Lösung für diesen Augenblick”, schreibt McNally. “Licht ist eine immerwährende überraschende Angelegenheit.” Er ist – selbst nach 35 Jahren noch immer ein Suchender nach dem perfekten Licht. Was aber noch viel wichtiger ist, als das richtige Licht, ist das Licht der zu fotografierenden Person oder dem Objekt anzupassen. McNally tut dies auf kreative Weise: So leuchtet er ein gesamtes Café mit drei Aufsteckblitzen und einem Bettlaken aus oder zeigt, wie man mit Hilfe dreckiger Fenster wunderschönes Licht zaubert. Ein paar Seiten weiter lesen wir, was dabei herauskommt, wenn eine Idee – so toll sie sich anhören mag – praktisch umgesetzt einfach nicht funktioniert und in einem Foto resultiert, das zwar technisch perfekt ausgeleuchtet ist, dem aber keine Seele innewohnt.

Fazit:
Sketching Light kann am besten als Rezeptbuch gelesen werden, das Anregungen gibt in welcher Art und Weise Blitz und natürliches Licht eingesetzt wird und welche Wirkung damit erzielt wird. Es macht Lust darauf, kreativ mit Licht zu arbeiten und die eigene Lichttechnik zu erweitern.

Sehr gutes Fotografie Fachbuch

Joe McNally Sketching Light
New Riders Verlag
Softcover 417 Seiten
ISBN 13 978-0-321-70090-2

Mehr Informationen bei Joe McNally sowie bei Amazon.

Birgit-Cathrin Duval aka takkiwrites arbeitet als freie Journalistin, Fotografin und Autorin.

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7 comments

  1. Stefan Simonsen

    Wirklich die geilste Rezension, die ich bisher (jemals) gelesen habe! Meine Hochachtung, besser konnte man es nicht beschreiben!

    “McNallys Licht ist cremig, wütend, leicht, sanft, offen, verstreut, scharf, intensiv, gleichmäßig, schmissig, schmeichelnd, leicht wie eine Feder oder flach wie ein Pfannkuchen, frontal, schreiend, manchmal rattert es wie ein Güterwaggon, dann wiederum schwappt es wie eine Brandungswelle heran. Der Unterschied zwischen indirektem und direkten Blitz hört sich bei McNally so an: Leichter Sommerregen und garstiger Gewittersturm mit Blitz und Hagel.”

  2. Stefan Schaal

    Ein wirklich grandioses Buch, das viele Anregungen gibt sich mit dem für die Situation, die man bei einem Job vorfindet, geeigneten Licht auseinanderzusetzen. Viele gute Denkanstösse und Inspirationen. Ausserdem tut es gut zu lesen, das auch die Titanen der Branche oft zweifeln und die gleichen Probleme und Sorgen wie Normalsterbliche haben. Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen, genau wie die beiden vorherigen Bücher von Joe.

  3. nobsta

    Kann nur beipflichten, bin noch im ersten Drittel des Buches, machen aber Lust sich mit dem Rest möglichst intensiv zu beschäftigen.

  4. Bernd

    Na da bin ich mal gespannt. Von den ersten zwei Büchern war ich etwas hin und her gerissen, was ich davon halten soll. Lag aber vielleicht daran, dass ich diese ziemlich früh gelesen habe und noch keinen Bezug zu Kamera, Licht und Blitzen hatte. Vielleicht sollte ich sie mir jetzt nochmal durchlesen :-) Oder ich versuch es einfach mit dem dritten Buch und lass mich dadurch nochmals zu den ersten beiden leiten!

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