Ist die Zeit reif, sich als Fotograf selbständig zu machen?
Viele Fotografen, die heute auf dem Markt agieren, sind Quersteiger ohne Fotografen-Ausbildung. Einfachere rechtliche Zugangsmöglichkeiten, allgemeine (oft kostenlose) Verfügbarkeit von Ausbildungsmöglichkeiten (Tutorials, Schulungsvideos, …) und die immer günstiger gewordene Fototechnik haben es möglich gemacht.
Ähnliche Entwicklungen gibt es auch in anderen Berufen. Markus Albers beschreibt das in seinem Buch “Meconomy” als einen grundsätzlichen Wandel in der Gesellschaft: “Wir machen unsere Hobbys zum Beruf und verlegen unseren Lebensmittelpunkt dorthin, wo wir am glücklichsten und produktivsten sind” und führt fort “Wer sich statt auf seine Leidenschaften und Fähigkeiten weiter auf staatliche Netze, gelernte Routinen und den vertrauten Arbeitsalltag verlässt, wird es schwer haben, wird vermutlich zu den Verlierern gehören”.
Albers war Managing Editor bei der Zeitschrift Vanity Fair und kündigte diesen Job, um sich selbst zu beweisen, dass das, was er selber Easy Economy oder auch “Meconomy” nennt, auch im realen Leben und sogar während einer Wirtschaftskrise funktioniert: Die kleine “Ich-AG”, die sich ihre Kunden im Internet sucht und selbstbestimmt, räumlich unabhängig und vernetzt innovative Dienstleistungen anbietet.
Eine der wichtigsten Thesen seines Buchs ist, dass eine reine Anwesenheit in einer Firma nicht mehr relevant sein wird. Immer mehr Tätigkeiten lassen sich vom Home-Office aus oder auch vom Ferienhaus in der Provence aus erledigen. Collaboration-Tools, Breitband-Internet-Anbindung und virtuelle Assistenten machen es möglich. Und immer mehr Menschen nehmen eine Einschränkung bei Verdienstmöglichkeiten oder Karriereaussichten in Kauf, wenn sie sich dafür selbstbestimmter und letztendlich auch engagierter ihrer Tätigkeit widmen können.
Wer nun aber meint: “Super, dann mache ich doch mein Hobby Fotografie zum Beruf”, handelt unter Umständen etwas zu vorschnell. Nur weil sich die etablierten Berufsmodelle verändern, heisst das noch lange nicht, dass sich jeder Berufsaussteiger mit einer Töpferschule oder einer Tätigkeit als Fotograf selbständig machen sollte. Im selben Maße, wie die Freiheit des Einzelnen wächst, wächst nämlich auch die Konkurrenzsituation. Gerade in Bereichen, in denen viele Menschen meinen, Talent zu besitzen, werden die Erfolgsaussichten eher kleiner als größer.
Das Buch von Markus Albers ist kein Ratgeber, auch wenn es viele Anregungen und Tipps enthält, sondern eher eine gesellschaftspolitische Standort-Bestimmung bzw. Zukunftsperspektive.
Albers geht auf viele in den letzten Jahren aktuell gewordenen Arbeitstechniken wie “Lifehacking” oder “Getting things done” ein, beschreibt infrastrukturelle Entwicklungen wie Coworking-Spaces und Desksharing-Angebote. Außerdem stellt er die neuen “Laptop-Unternehmer” vor, die nur mit ihrem Laptop und einer guten Geschäftsidee ein erfolgreiches Unternehmen gegründet haben, oder Auswanderer, die in Asien eine neue Existenz aufgebaut haben.
Manchmal gleitet der Autor für meine Begriffe zur sehr in Richtung Kulturgeschichte oder Philosophie ab, findet dann aber doch wieder den Bogen zurück zum praktischen Bezug.
Weite Teile des Buchs bestehen aus Zitaten aus Wirtschaftsmagazinen oder Interviews mit Vorreitern der Meconomy wie Timothy Ferris, Jochen Mai, Florian Steglich oder Johannes Kleske. Durch die kluge Wahl dieser Interview-Partner ist es dem Autor gelungen, ein umfassendes Bild der aktuellen Entwicklungen zu zeichnen.
Konsequent seinen eigenen Ideen folgend hat Albers das Buch ohne großen Verlag im Rücken im Eigenverlag herausgebracht. Erst einmal sogar nur als eBook, dann aber auch als gedrucktes Buch.
Fazit: Ein spannend zu lesendes Buch, das die aktuell zu beoachtenden Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und in der Gründerszene treffend beschreibt.
Mehr Informationen bei Markus Albers und bei Amazon.
Diese Rezension habe ich übrigens auf einem Netbook am weißen Strand des Mittelmeeres geschrieben. Das ist zwar noch kein Beweis für die Richtigkeit der oben beschriebenen Thesen, da ich meinen Lebensunterhalt nicht mit dem FOTOGRAFR-Magazin bestreite und mich auch nicht an meinem mobilen Arbeitsplatz, sondern ganz banal im Urlaub befunden habe, aber es ist vielleicht ein erster kleiner Schritt.
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Kommentare
2 Kommentare zu “Ist die Zeit reif, sich als Fotograf selbständig zu machen?”Trackbacks
Was andere über diesen Beitrag sagen[...] Fotografr.de schreibt über Meconomy, [...]
[...] Zufall stiess ich auf der Seite Fotografr.de auf den Artikel “Ist die Zeit ist reif, sich als Fotograf selbständig zu machen?”. Der Autor rezensiert das Buch Meconomy von Markus Albers. Albers beschreibt vortrefflich, wie man [...]