Machen Sie das beruflich?


Von Hartmut Ulrich

Jaja, ich weiß. Es warten jetzt alle auf dieses Bild. Das von gestern. Es geht aber nicht. Das Stativ steht nämlich im Keller, in meinem kleinen Selbstbau-Studio, genau zwischen den zwei Softboxen auf den Walimex-CY150, und ich will es dort nicht wegnehmen, weil ich noch keine Freigabe habe für die letzten beiden Shots, und solange die nicht da sind, werde ich den Teufel tun, denn das würde ja bedeuten, dass ich das ganze Setting nochmal von vorne machen müsste. Zum Glück habe ich mit diesem Blog ja auch nicht auf dem Raddampfer der Mainstreamoptimierung eingecheckt und muss deswegen auch nicht unbedingt den folgerichtig nächsten Beitrag posten. Absurde Ideen bringen sowieso keine Klicks, nackte Weiber schon eher. ;-)

Aber eigentlich wollte ich ja was anderes erzählen. Darüber, wie einen die Leute angucken, wenn man irgendwo außerhalb des eben erwähnten Kellers sein Stativ aufbaut. Oder überhaupt eine Kamera auspackt, die in ihrer Gesamtwirkung weniger nach “einfach mal den Arm ausstrecken” aussieht, sondern nach richtigem Leiden. Die Art von Kamera, die Leiden schafft, you know. Man spürt dann immer so eine respektvolle Scheu bei den Fragenden: “Machen Sie das beruflich”? In der Frage schwingt dann immer auch ein bisschen der unausgesprochene Nachsatz mit “…wenn nicht, dann bist du ja mehr als bescheuert, freiwillig einen solchen Kawenzmann durch die Wallachei zu buckeln, noch nie was von Kompaktkameras gehört?”

Ich spüre dann eine unausgesprochene Bewunderung für eine unterstellte und eher zaghaft verifizierte kreative Existenz, die vor allem deswegen bewundernswert ist, weil sie von Fotografie lebt. Und nicht von Buchhaltung. Oder von Jura. Oder so. Als ob Berufsfotografie die ultimative kreative Befreiung wäre. Geld verdienen in Sekundenbruchteilen, bevorzugt mit Schönheit natürlich. Lustigerweise wird man das am häufigsten an Orten gefragt, an denen sich mit Fotos GARANTIERT kein Cent mehr verdienen ließe, weil sie schon schätzungsweise sechshundert Millionen Mal abgelichtet wurden. Egal. Man spürt es dann beim Gegenüber, diese leisen Obertöne unverwirklichter eigener Lebensträume: Die Popularität moderner Digitalkameras ist nichts anderes als die Übertragung unerfüllter Lebensentwürfe in ein kleines Stück Technik (Fotocommunities sind ihre logische Verlängerung). Es sollte sehr viel bekannter sein, mit welcher Art von Arbeit und welchen Motiven die Mehrzahl der Berufsfotografen WIRKLICH ihren Lebensunterhalt verdient.

Die tägliche Berufspraxis ist – wie in jedem anderen Beruf auch – in der Mehrzahl aller Fälle frei von Romantik. Nur will das keiner hören. Am allerwenigsten Berufsfotografen. Sie erzählen es auch niemandem, wer zerstört schon seine Goldene Mauer. Wer’s nicht glaubt, sollte doch einfach mal rüberklicken zum Public Eye Blog, der weiß ganz genau, wie Berufsfotografie meistens ist: Sie riecht.

Ich würde das jetzt alles gerne noch ein wenig weiter ausführen, spüre aber gerade diese unguten negativen Vibrations. Man muss ja die ungezählten jungen Talente gebührend motivieren, um sie umgehend – du kannst das – an die Front zu schicken. Außerdem muss ich zurück in den Keller. Die Wissenschaft ist eine grausame Geliebte. Die Fotografie wahrscheinlich auch. Und die eigentliche Freiheit in der Fotografie verbirgt sich wahrscheinlich darin, es NICHT beruflich zu machen. Aber das verrate ich keinem. :-)






Kommentare

3 Kommentare zu “Machen Sie das beruflich?”
  1. Matthias sagt:

    ” Und die eigentliche Freiheit in der Fotografie verbirgt sich wahrscheinlich darin, es NICHT beruflich zu machen. Aber das verrate ich keinem ”

    Gut gesagt ! Fotografieren zu können ohne davon leben zu müssen ist doch TOP …

  2. R. Kneschke sagt:

    …aber fotografieren zu dürfen und davon leben zu können, ist auch nicht schlecht…

  3. nardo sagt:

    Fotografieren zu können und nicht davon leben müssen ist am geilsten

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