Leica M9 – Annäherung an eine Legende


Im ersten Teil seines Erfahrungsberichts hat Christian Ahrens beschrieben, warum die Leica M9 für ihn vielleicht die ideale Kamera zum Immer-Dabeihaben werden könnte. Hier folgt nun die Fortsetzung.

Anfreunden mit dem Messsucher

Apropos, und das ist kein Widerspruch: Seit Jahren fotografiere ich mit den einstelligen Canons und ich kann sagen, dass ich mit dieser Kameragattung, mit ihrer Geschwindigkeit und Präzision vollkommen verwoben bin. Beim Fotografieren habe ich oft das Gefühl, dass die Kamera ein Teil von mir geworden ist und meinen Ideen und Absichten schnell und sicher folgen kann. Dabei verlasse ich mich in einem hohen Maß auch auf den außerordentlich leistungsfähigen Autofokus und auf eine Technik, die manuelles Fokussieren eigentlich gar nicht mehr wirklich unterstützt.

Und nun habe ich hier eine M9 in der Hand. Eine Kamera, die in Sachen Autofokus gänzlich unbeleckt ist und die als Fokussierhilfe lediglich zwei Geisterbilder in der Mitte des Suchers anbietet, die zur Deckung gebracht werden müssen. Und das mit lichtstarken Objektiven und meiner ausgeprägten Neigung, die scharfen Bildelemente links oder rechts zu platzieren, aber bestimmt nicht in der Mitte. Kann man mit so einer Kamera überhaupt fotografieren? Gibt es da auch nur ein scharfes Foto bei Offenblende?

Man kann. Und, ja: die Bilder sind scharf. Zu meiner maßlosen Überraschung funktioniert das richtig gut. Auch bei Offenblende im Schummerlicht. Auch, wenn man die Kamera verschwenken muss, um nach dem Scharfstellen die Bildkomposition zu finden. Ich war begeistert und fasziniert: das geht, das geht auf den Punkt. Und nicht nur, wenn man die Schärfe benötigt, die man für den Druck braucht. Das geht sogar dann, wenn man sich die Bilder in der 100%-Darstellung am Bildschirm betrachtet.

Ich hatte die Leica leider nur drei Wochen, und ich bin in dieser Zeit sicherlich nicht zum Scharfstellungs-Geschwindigkeits-Profi in Sachen Messsucher geworden. Aber ich hatte in den Stunden, in denen ich mich mit der M9 beschäftigen konnte, nur sehr wenig Ausschuss. Ich bin noch immer verblüfft. Ja, man kann auch in digitalen Zeiten manuell scharfstellen!

À la flaneur

Die M9 ist eine Kamera für Flaneure. Damit meine ich nicht, dass sie nur reichen Schnöseln mit zu viel Freizeit vorbehalten sein sollte. Nein, es ist eine Kamera für die Zeit im Leben, in der man sich treiben lässt, in der man als Auge durch die Welt schwimmt – und nicht produzieren muss und die Ansprüche anderer effizient zu erfüllen hat.

Auch wenn es ein bißchen zu sehr nach Feuilleton klingt: die M9 ist ein Entschleunigertool, eine Kamera für die Momente, in denen man ein wenig von der Magie des Lebens einfangen kann. Oder für zufällige, kostbare Funde. Ideal für Streifzüge durch Städte, bei Tag oder Nacht. Durch verlassene Siedlungen, sonntäglich vereinsamte Industriegebiete oder für Wanderungen auf illegal betretenem Grund.

Harmlos liegt die Kamera mit dem aufgesetzten 35mm-Objektiv in der Jackentasche und wird unspektakulär gezückt, wenn eine Komposition so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, dass ein Bild sich zu lohnen scheint. Sogar an ein paar Streetfotos habe ich mich versucht, und obwohl ich nicht behaupten kann, dass ich hier über besondere Skills verfüge, sind mir ein paar ganz nette Aufnahmen gelungen. Warum habe ich das eigentlich probiert? Weil mir der Herr Cartier-Bresson im Kopf herumschwirrt? Oder weil die M9 sich besonders dafür eignet und einen Zugang zu längst vergangenen Sujets neu eröffnet? Oder wegen beidem? Ich weiß es nicht, aber es hat auf jeden Fall Spaß gemacht.

Würde ich diese Kamera besitzen, könnte ich mir sogar vorstellen, in diese Art von Fotografie wieder einzusteigen. Kann ein schnödes Kameramodell, ein Haufen materialgewordener Technik, die eigene fotografische Entwicklung tatsächlich beeinflussen? Ich halte es fast für möglich.

Weiter lesen: Leica M9: warum Kleinbild doch irgendwie Leica ist.

Dies ist ein Artikel von Christian Ahrens

* 1964. Lebt und arbeitet als Berufsfotograf in Köln. Schwerpunkte sind die Themen Business, Industrie, Technologie, Arbeit. Überwiegend ist Christian Ahrens für Unternehmen oder Werbe- und PR-Agenturen tätig. Seit 2010 betreibt er zusammen mit der Fotografin Silvia Steinbach die Unternehmung "Ahrens+Steinbach Projekte – Zukunft fotografieren". Im Rahmen dieser Tätigkeit entstehen bildbasierte Projekte wie Ausstellungen und Bilddatenbanken zu Zukunfts-Themen und Zukunfts-Technologien. Ahrens+Steinbach werden von der Hamburger Fotorepräsentanz "fotogloria" international vertreten.






Kommentare

4 Kommentare zu “Leica M9 – Annäherung an eine Legende”
  1. Herr Olsen sagt:

    Deine bisherigen 2 Artikel machen sogar mir als DSLR-Fan Lust auf den Messsucher. Klasse geschrieben.

  2. Lieber Christian, hör bitte sofort auf, da bekommt alleine von Deinem Artikel schon Suchterscheinungen nach der M9. :-)

  3. Biscan sagt:

    hm…
    ich bin geheilt… hatte letztes jahr für eine weile eine m8…
    ich muss sagen …dass alltägliches verlässliches arbeiten mit dieser kamera kaum möglich ist … dafür ist unsere zeit dann doch etwas zu schnell und zu hektisch…
    auch von den generellen bildresultaten war ich nicht TOTAL BEGEISTERT:
    ich behaupte, dass man sich auch an eine einstellige CANON ein Zeiss Biometar schrauben kann…
    bessere Bilder macht und 5000 Euro gespart hat …
    LEICA ist wie Vinyl…toll,schön,feullitontauglich aber leider überholt…

  4. gato sagt:

    Muss mir jetzt den schlauen Spruch des Tages reservieren: der Satz “Nicht die Kamera macht das Bild, der Fotograf macht es” wurde tausend mal zu oft gesagt, aber er stimmt meiner Ansicht nach immer noch.

    Die Kamera ist nunmal das Werkzeug, mit der das Bild aufgenommen wird, und ein Werkzeug kann unterstützend wirken oder einem “im Weg stehen”.

    Welches Werkzeug für wen geeignet ist, kann man halt nicht pauschal festlegen, aber der Artikel klingt so, als wäre es recht angenehm, mit einer M9 Bilder zu machen – ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass ich die M9 auch recht praktikabel finde. :)

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