Bildgestaltung: Die Wahl des richtigen Bildausschnitts

Bildgestaltung: Die Wahl des richtigen Bildausschnitts


Von Cora und Georg Banek

Der wahrscheinlich wichtigste Schritt in der Komposition eines Bildes ist die Wahl des Ausschnitts beziehungsweise die Entscheidung, welcher Teil der Wirklichkeit dem Betrachter gezeigt wird. Dieser wird durch den Bildrand begrenzt und die gesamte Bildgestaltung spielt sich innerhalb dieses Rahmens ab. Doch nicht nur formal, auch inhaltlich entscheidet sich der Fotograf für einen Ausschnitt aus der Realität, den er sichtbar, erzählbar und erlebbar macht – und der im wahrsten Sinne des Wortes erst das Foto begründet.

Geschichten erzählen

Mit jedem seiner Bilder erzählt der Fotograf eine Geschichte, die der Betrachter in der Regel unabhängig von einem Kontext oder einer Erklärung erfassen soll. Je klarer und konzentrierter die Geschichte, desto leichter und interessanter wird es für den Betrachter – und nicht selten krankt eine Aufnahme genau daran: Der Fotograf kann sich nicht entscheiden. Alles ist interessant – der Eiffelturm, die untergehende Sonne dahinter, die Passanten im Vordergrund, der Straßenmusikant rechts, die Blumen links, die Reisebegleitung direkt vor ihm – und ehe er sich versieht, versucht er, all das in ein einziges Bild zu zwängen. Für ihn ist die Situation genauso gewesen und damit stimmig, aber er vergisst dabei, dass wir auch in der Realität nicht alles auf einmal wahrnehmen, sondern jeweils einzeln und nacheinander.

Abb. 1: Durch die Wahl des Ausschnitts bestimmen Sie, welche Aussage Ihr Bild bekommt. Wählen Sie die jeweiligen Bildelemente dabei bewusst und versuchen Sie nicht, alles mit auf das Bild zu bekommen. Machen Sie lieber mehrere, dafür aber entschiedenere und klarere Bilder. Denn bei zu vielen Motiven auf einem Bild büßen die einzelnen Elemente an Bedeutung ein und der Betrachter wird verwirrt. So verliert er sehr schnell erst die Übersicht und dann das Interesse.


Dem Betrachter des Bildes bietet sich mit einem Blick ein unentschlossenes Motiv-Durcheinander, bei dem er nicht weiß, was er sich zuerst ansehen soll. Denn Fotografie funktioniert anders, alle Eindrücke des Bildes sind für alle Zeiten fixiert und rangeln gleichzeitig um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Je weniger Bildelemente Sie auf Ihr Bild nehmen, desto wichtiger und prominenter wird jedes einzelne – und zwar unabhängig von seiner Größe im Bild. In der Regel ist weniger also mehr und in dieser Szene wären statt einer mindestens drei oder vier Aufnahmen der einzelnen Motive vielleicht schlüssiger, stimmiger, in jedem Fall aber entschiedener ausgefallen. Nacheinander betrachtet, hätten sie dieselbe Geschichte erzählt, aber jedes einzelne Bild wäre ruhiger und für den Betrachter eingängiger gestaltet – oder besser: geschnitten – gewesen. Aus der Realität das Motiv, also den zeitlich-räumlichen Moment herauszuschneiden, um den es wirklich geht, ist die Kunst des Fotografierens und bedeutet in der Praxis: Konzentration auf das Wesentliche und Weglassen von allem Unwichtigen!

Abb. 2: Ein einzelnes Motiv wie dieses ungewöhnliche Auto kann eine ganze Menge an Bildern ergeben. Dazu müssen Sie sich allerdings intensiv damit auseinandersetzen und sich nicht mit dem erstbesten Bild zufriedengeben. Gehen Sie aufmerksam um das Objekt herum, verändern Sie dabei die Aufnahmehöhe und versuchen Sie, möglichst viele unterschiedliche Sichtweisen einzufangen.

Wobei das Wesentliche jeweils etwas anderes ist, je nachdem, was Sie mit Ihrem Bild zeigen wollen. In einer Übersicht muss natürlich mehr zu sehen sein als bei einer Detailaufnahme (s. Seite 52f). Wenn Sie also eine einzelne Blume aus einem ganzen Beet herauslösen, ist Ihre Geschichte eher ein charakterisierendes Porträt; zeigen Sie die Blume hingegen samt ihrem Umfeld, umfasst die Geschichte mehrere Akteure und geht stärker in Richtung Milieustudie. Oder: Wenn Sie an einem Strand zusätzlich
zum Sand die Pommesbude und den Schmuckverkäufer deutlich erkennbar zeigen, handelt Ihre Geschichte eher von der Kommerzialisierung des Urlaubs oder von einer typischen Touristenfalle. Wenn Sie – am gleichen Strand und zur gleichen Zeit – aber eine Handvoll Kleinkinder samt Sandburg und aufpassender Eltern zeigen, erzählt Ihre Geschichte eher von einem familienfreundlichen Strand.

Abb. 3: Der Bildausschnitt ist nicht nur dazu da zu bestimmen, was auf dem Bild festgehalten werden soll, sondern auch alles andere davon fernzuhalten. Viele Bildelemente stören, lenken ab oder verwässern die Bildaussage nur und können deswegen problemlos weggelassen werden. Durch das gezielte Ausblenden der Blumenbeete und der Konzertbühne entsteht ein klareres, eindeutigeres und ruhigeres Bild mit dem eindeutigen Hauptmotiv: die Gloriette.

Zeigen und Nicht-Zeigen

Da jedes Foto nur einen begrenzten Rahmen an Platz aufweist, geht der Betrachter Ihres Bildes unwillkürlich davon aus, dass alles, was Sie mit ins Foto nehmen, auch wichtig ist. Ob das nun bewusst oder unbewusst, geplant oder unfreiwillig geschieht: Was der Betrachter zu sehen bekommt, haben Sie ihm präsentiert. Und dieser Präsentation sollte im Idealfall eine ganz bewusste und gezielte Entscheidung vorausgehen: Was wollen Sie zeigen, was ist Ihr Thema, was unterstreicht die Bildaussage? Und was wollen Sie umgekehrt gar nicht zeigen, was stört oder verändert Ihre Aussage und was lenkt unnötig ab?

Denn nicht nur das, was Sie zeigen, sondern auch das, was Sie nicht zeigen, ist wichtig für das Bild. Lassen Sie viel weg, um die Aufnahme klarer zu gestalten, so erleichtern Sie dem Betrachter das Verstehen und konzentrieren seinen Blick auf das Wesentliche. Lassen Sie jedoch zu viel weg, kann die Aufnahme auch unverständlich, unklar und damit uninteressant werden.

Falls Sie zum Beispiel den Kindergeburtstag Ihres Jüngsten fotografieren, wird der besondere Anlass nicht aus dem Bild ersichtlich, wenn Sie nur den Jungen mit einem Papphütchen auf dem Kopf fotografieren. Auch wenn Sie ihn und viele Geschenke fotografieren, könnte es sich auch um Weihnachten handeln. Aber wenn Sie ihn und seine Geburtstagstorte ins Bild nehmen, versteht jeder die besondere Situation, auch wenn er keine weiteren Informationen zu der Situation bekommt. Die Schwester des Geburtstagskinds hingegen, die daneben steht, gerade woanders hinsieht und sich durch die Haare streicht, unterstützt die Bildaussage nicht weiter und kann weggelassen werden, ohne dass es das Bild stört.

Grundsätzlich kann man behaupten: Je mehr Sie zeigen, desto konkreter wird ein Bild – je mehr Sie weglassen, desto anonymer und allgemeingültiger wird es. Auf diesem schmalen Grat, den Sie für jedes Ihrer Bilder erneut abtasten und definieren müssen, bewegen Sie sich als Fotograf. Überprüfen Sie bewusst die einzelnen Bildelemente: Gehört es inhaltlich dazu? Muss es ins Bild, um die Aussage verständlich zu machen? Kann es auch weggelassen werden? Je genauer und konkreter Sie selbst wissen, was Sie eigentlich fotografieren wollen, desto einfacher wird Ihnen dies fallen.

Die subjektive Wahl des Bildausschnitts kann sogar ganz gezielt eingesetzt werden, um den Betrachter zu täuschen und ihn zu manipulieren. Das wird auch immer wieder genutzt, um die Meinung der Öffentlichkeit zu beeinflussen. Wenn der Fotograf bei einer kleinen Demonstration mit einem großen Bildausschnitt zusätzlich zu den gerade mal zwanzig Personen auch noch den ganzen Rathausplatz zeigt, betont er ganz bewusst, dass es nur eine kleine Gruppe ist. Wenn er mit den zwanzig jedoch das Bild vollkommen ausfüllt und sogar noch an allen vier Rändern anschneidet, erweckt er den Anschein einer stark besuchten Veranstaltung. Und es ist auch kein Zufall, dass die verantwortliche Firma nach einer Ölkatastrophe eher Bilder veröffentlicht, auf denen der ganze Strand zu sehen ist, während Greenpeace die Nahaufnahmen der ölbedeckten Tiere zeigt.

Dieser Artikel folgendem Buch entnommen:
Fotografieren lernen, Band 2: Bildgestaltung und Bildsprache
Cora und Georg Banek
29,90 Euro(D) / 30,80 Euro(A)
254 Seiten, komplett in Farbe, Festeinband
ISBN 978-3-89864-699-4

Weitere Informationen beim dpunkt-Verlag sowie bei Amazon.

Cora und Georg Banek leben und arbeiten in Mainz, wo sie Mitte 2009 ihr Unternehmen um eine Fotoakademie erweitert haben. Vorher waren sie hauptsächlich im Bereich der Auftragsfotografie für Unternehmen und Privatpersonen tätig und schreiben seit 2004 für Fachzeitschriften und Buchverlage.

6 comments

  1. ReplyMo

    Super Beitrag mit tollen hilfreichen Tips.
    Gerade das Beispiel mit der Strandszene verdeutlicht es mehr als deutlich und finde ich sehr gelungen.

    VG Mo

  2. ReplyJens

    Hallo Michael

    danke für den Buchtipp. Die Wahl des richtigen Bildausschnitts wird oft unterschätzt. Es lassen sich gute Bilder sehr leicht dadurch kaputt machen, dass der falsche Ausschnitt gewählt wird. 😉
    Von den Banek’s gibt es mehrere didaktisch gut aufgebaute Bücher mit viel Informationen. Die Bücher sind lesenswert.

    Beste Grüße aus Hamburg
    Jens

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