Calotype – ein wirklich altes Fotosystem

Calotype – ein wirklich altes Fotosystem

Straßenkünstler haben ja manchmal die interessantesten Ideen. Insbesondere dort, wo es viele Touristen gibt und zu erwarten ist, dass sie mit ihrer Kunst eine große Aufmerksamkeit erreichen, sind sie oft sehr einfallsreich.

Einer dieser Orte ist die Altstadt von Palma de Mallorca. Dort begegnen dem Touristen an jeder Straßenecke Straßenkünstler, die teilweise wirklich sehenswert sind.

So habe ich in diesem Frühsommer einen “Fotografen” beobachtet, der mit seiner altertümlich wirkenden Kamera ein Foto von einer Freiwilligen gemacht hat. Der ganze Prozess hat bestimmt 20 Minuten gedauert, dann endlich war das Bild fertig.

Die Passantin nahm auf einem Stuhl Platz und wurde mit einem Hut verschönert.

Die Kamera sah zumindest so aus, als ob sie aus dem Jahre 1841 wäre

Der Fotograf hantierte dann minutenlang mit seinem Arm in der Kamera

Wahrscheinlich hat der Fotograf mit seiner Hand in der Kamera ein Blatt Fotopapier aus einer Box genommen und in eine Halterung eingespannt, die man vielleicht als “Filmebene” bezeichnen könnte. Anschließend musste er dann noch die Schärfeebene einstellen. Für diesen Zweck hat die Kamera ein kleines Holzstöckchen an der Rückseite, das herein- und herausgeschoben werden kann.

Die eigentliche Belichtung erfolgte durch Abheben der Kappe “1 … 2 … 3″ und wieder draufsetzen

Anschließend musste wieder in der Kamera hantiert werden.

Das belichtete Bild wurde dann schnell aus der Kamera gezogen und nacheinander in Entwickler und Fixierer geschwenkt.

Allerdings war das fertige Bild erst das Negativ

Also musste das Negativ noch einmal abfotografiert werden

Noch einmal Einstellen der Schärfeebene

Belichtung “1 … 2 … 3″

Entwickeln, fixieren, abstreifen. Fertig ist das Bild.

Interessiert habe ich mir den ganzen Vorgang angeschaut. Und die Kundin schien anschließend sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Auf den ersten Blick sah das ganze so aus, als ob leidenschaftlicher (nostalgischer) Fotograf viel Spaß an seiner Tätigkeit hat, ohne groß auf einen Verdienst zu schauen. Denn es wirkte schon sehr umständlich und hat auch entsprechend lange gedauert, bis das Foto endlich fertig war.

Nur wenige hundert Meter weiter stand allerdings schon die nächste Fotografin mit dem selben “Real Old Photo System”. Das ganze war also doch nur eine Show für die Touristen. Aber zumindest war es eine gut gemachte Show.

Ich arbeite als Portrait-Fotograf und führe ein Fotostudio in Heidelberg. Außerdem biete ich Coachings und Trainings zu den Themen Fotografen-Marketing und Photobusiness an.

7 comments

  1. S. Wickenkamp

    Wie auch immer – ist doch ´ne coole Sache. Und interessant, daß sich die Leute manchmal doch noch Zeit für ein Foto nehmen – in Zeiten, wo man alles schnell mit seinem Telefon knipst… ;-)

  2. Ralf

    Na, das ist doch mal ein echtes fotografr-Highlight!

    Das will ich auch probieren! Die Zutaten sind sämtlich schon vorhanden, ich muss es “nur” noch machen. Denn ich möchte eine sehr schöne uralte Polaroid, deren Spezial-Rollfilme es wirklich nicht mehr gibt, gelegentlich mit 10×15 cm Fotopapier als “Film”-/”Sensor”-Material bestücken! Das ich dann allerdings nach Belichtung und Entwicklung nicht ein zweites Mal abfotografieren werde, ab da wird der Scanner in Aktion treten! Schön gefunden, gesehen und geschrieben! Danke fürs Zeigen!

    Ralf

  3. Sinan

    Ein Freund von mir hat genau so eine Kamera aus Afghanistan mitgebracht. Dort sind das Passbilkameras, und völlig üblich, dass die Leute mit genau dieser Technik ihre Passfotos machen. OK, heute vielleicht nicht mehr ÜBERALL, aber da war es wohl so dass die Kamera bis zum Abkauf noch im Einsatz war. Sieht sehr abenteuerlich aus die Geschichte!

  4. Pingback: Analoge Fotografie ist wie Pferdekutsche fahren | FOTOGRAFR Ansichten zur Fotografie

  5. Tom! Striewisch

    Hallo Michael.

    Wird das Papiernegativ wirklich im Hellen etwickelt?
    Oder stehen da nur Fxierer und Wasser ausserhalb der Kamera und die Entwicklung findet in der Kamera statt?
    Ich habe in Amsterdam mit einem älteren Herrn gesprochen, der auf mehr oder weniger die gleiche Art fotografierte, aber die Bilder (bis aufs Wässern) in der Kamera ausarbeitete.
    Ich habe mich von ihm auch fotgrafieren lassen, ist richtig gut geworden.

    Tom!

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