Workflow: Raw-Konvertierung und Bildbearbeitung


Von Cora und Georg Banek

Sicherlich hat jeder Bildbearbeiter sein ganz individuelles Vorgehen, immer gleiche Abläufe und favorisierte Bearbeitungsschritte. Doch gerade bei den ersten Schritten hinein in das weite Feld der Bildbearbeitung kann es sinnvoll sein, die eine oder andere Empfehlung bezüglich der Reihenfolge zu kennen.

Originale sind wertvoll

Falls Sie im RAW-Format fotografieren, ist dieser Aspekt für Sie nicht wirklich relevant, da das RAW selbst bei der Konvertierung nicht verändert wird – außer in der Hinsicht, dass Sie Ihre RAWs natürlich sichern und archivieren sollten. Denn diese sind in ihrem Wert vergleichbar mit einem analogen Negativ, umfassen also die maximal möglichen Informationen Ihres Bilds.

Doch auch wenn Sie in JPEG oder TIFF fotografieren, sollten Sie die originalen Bildinformationen dauerhaft und unverändert bewahren. Das heißt, dass Sie möglichst nicht die Originale bearbeiten, sondern eine Sicherungskopie anlegen. Ganz besonders wichtig ist das bei JPEGs, da diese mit jedem Speichervorgang in ihrer Qualität vermindert werden – hier ist es empfehlenswert, das Original in ein verlustfreies Dateiformat umzuwandeln und dieses zu archivieren.

Vielleicht erscheint es Ihnen unnötig, jedes Bild im unbearbeiteten Zustand aufzuheben und zusätzlich eine oder mehrere Bearbeitungsversionen. Doch Sie sollten sich klarmachen, dass jede Bearbeitung einen Verlust von Bildinformation bedeutet. Sie wissen auch nie, ob Sie nicht irgendwann andere oder bessere Bearbeitungsfähigkeiten erwerben werden, die Sie dann gern auf Ihre »alten Klassiker« anwenden möchten. Haben Sie noch die Originale, können Sie mit der Bearbeitung von vorne beginnen.

Schritt 1: RAW-Konvertierung

Je nachdem, wie aufwändig Sie Ihre Fotos nachbearbeiten, erfolgt die RAW-Konvertierung entweder vor der eigentlichen Bearbeitung oder in deren Folge. Die zweite Vorgehensweise wählen Sie dann, wenn Sie sich darauf beschränken, Ihre Bilder als Ganzes in einem RAW-Konverter zu optimieren, und aufwändige Retusche- oder Montagearbeiten weglassen, die ohne spezielle Werkzeuge nicht möglich wären. Sollten Sie so vorgehen, dann lesen Sie weiter bei Schritt !, denn dann beginnt dort Ihr Bildbearbeitungsweg.

Gehen Sie hingegen anders vor und möchten aufwändige Retuschen, eine Freistellung oder ähnlich umfangreiche Bearbeitungen durchführen, dann schaffen Sie sich mit der Entwicklung aus dem RAW im Prinzip nichts anderes als ein möglichst gutes Ausgangsmaterial für die eigentliche Nachbearbeitung im Bildbearbeitungsprogramm. Wenn das auch bei Ihnen der Fall ist, sollten Sie sich im RAW-Konverter hauptsächlich auf Korrekturen der Belichtung  beschränken und nachfolgende Schritte vorerst aufschieben.

Achten Sie dabei darauf, dass Sie möglichst viel Zeichnung im Bild sichern, Über- und Unterbelichtungen ausschließen und keine Bildinformation durch eine Anhebung des Kontrasts verlieren. Das heißt, das Bildergebnis, das Sie aus dem RAW in Ihr Bildbearbeitungsprogramm übernehmen, darf ruhig noch etwas blass und kontrastarm aussehen. Haben Sie darüber hinaus bei der Aufnahme einen falschen Weißabgleich gewählt, ist es sinnvoll, diesen im RAW-Konverter zu korrigieren, um realistische Farben als Basis für spätere Bearbeitungsschritte zur Verfügung zu haben.

Schritt 2: Analyse

Das nun vorliegende Bild unterziehen Sie zuallererst einer gründlichen Analyse beziehungsweise überlegen sich, welches Potenzial Sie in ihm sehen. Denn jedes Bildbearbeitungsprogramm bietet eine unzählige Menge an Wegen, völlig unterschiedliche Endergebnisse zu erzielen. Stellen Sie sich dazu am besten eine ganze Reihe an Fragen:

  • Möchten Sie eine natürliche, dezent wirkende Bearbeitung? Oder darf es etwas mehr sein und in die künstlerisch-kreative, auffällig-provokante oder gar stark polarisierende Richtung gehen?
  • Muss die Aufnahme entfleckt werden, um sie “aufgeräumter” wirken zu lassen?
  • Sollen einzelne Bildbereiche retuschiert oder gar manipuliert werden, um die Bildwirkung zu verstärken beziehungsweise die Aussage zu unterstreichen?
  • Gefallen Ihnen die Kontraste? Decken die Tonwerte das gesamte Spektrum von ganz dunklen bis zu ganz hellen Tönen ab?
  • Gefallen Ihnen die Farben? Hat das Bild einen Farbstich? Soll die Leuchtkraft der Farben verstärkt oder abgemildert werden?
  • Wirkt die Aufnahme vielleicht besser in Schwarzweiß oder getont?
  • Müssen stürzende Linien ausgerichtet oder muss das gesamte Bild gedreht werden?
  • Könnte der Ausschnitt noch optimiert werden?

Schritt 3: Retusche und Montage

Die Retusche von eventuell vorhandenen Sensorflecken, störenden Bildpunkten, Hautunreinheiten bei Porträts, Flecken, Fusseln oder kleinen Makeln am Motiv kann sich recht aufwändig gestalten. Deshalb möchten Sie diese Arbeit ganz sicher kein zweites Mal machen und sollten deshalb damit prinzipiell beginnen.

Sobald Sie ein retuschiertes, aber ansonsten unverändertes Bild haben, ist es durchaus empfehlenswert, diesen Bearbeitungsstand abzuspeichern. Denn so kann jede kreative Bearbeitung immer wieder auf dieser Version aufbauen. Das bezieht sich übrigens auch auf aufwändigere “Optimierungsverfahren” wie die Anwendung von hautglättenden oder figurformenden Filtern, auf das Ausrichten schiefer Bilder sowie das Begradigen stürzender Linien oder Ähnliches.

Möchten Sie ganze Teile des Bilds durch andere ersetzen, sollten Sie dies auch ganz zu Beginn des Bearbeitungsablaufs durchführen. Nur dann ist es möglich, bei den folgenden Anpassungen der Tonund
Farbwerte eine Angleichung des unterschiedlichen Bildmaterials nicht aus den Augen zu verlieren. Lassen Sie die einzelnen Bildteile jedoch so lange wie möglich auf unterschiedlichen Ebenen, um sie jederzeit getrennt voneinander bearbeiten zu können.

Schritt 4: Farbe oder Schwarzweiß?

Als Nächstes treffen Sie die Entscheidung, ob Ihr Bild als Farbfoto bearbeitet oder in Graustufen konvertiert werden soll. Für eine Farbbearbeitung fahren Sie fort bei Schritt 5 eine Umwandlung in Schwarzweiß hingegen schieben Sie sofort dazwischen. Unveränderte Farbwerte in Graustufen zu übertragen, emp#ehlt sich sehr, da Sie dann noch jeden kreativen Spielraum nutzen können, den das Bild in seinen Helligkeitswerten aufweist.

Schritt 5: Tonwertumfang kontrollieren

Nun sollten Sie einen Blick auf das Histogramm werfen und gegebenenfalls eine Tonwertspreizung durchführen, um die Helligkeitsabstufungen so ideal wie möglich zu gestalten (s. Seite !”%). Das heißt im Grunde nichts anderes, als den Tonwertreichtum eines Bilds an die vollständige Schwarzweißskala anzupassen, um alle möglichen Tonwerte auch tatsächlich im Bild zu #nden. Das sichert die Menge der Details und erhöht gleichzeitig den Kontrastumfang. Dieser Schritt sollte bei Schwarzweißbildern nach der Umwandlung in Graustufen und bei Farbfotos vor eventuellen Veränderungen der Farben erfolgen.

Idealerweise führen Sie eine Tonwertkorrektur mit der größten Farbtiefe durch, die Ihre Kamera und das Bearbeitungsprogramm zulassen.

Schritt 6: Farben anpassen

Sobald Sie den Tonwertreichtum eines Bilds gesichert haben, kommt der kreativste Teil der Bildbearbeitung: das Verändern der Farben. Unabhängig davon, ob Sie einen Filter anwenden möchten, die Farben manuell verbessern, verändern, ob Sie einzelne Farben separieren oder alle Farben gleichermaßen korrigieren – die Spielräume sind immens. Manchmal braucht die perfekte Farbbearbeitung
etwas Zeit und Abstand, manchmal gelingt sie mit einem schnellen Filtereinsatz, ein anderes Mal müssen Sie an jedem Farbregler separat schrauben, bis alle Farben stimmen. Lassen Sie sich deshalb Zeit und überstürzen Sie nichts.

Um Ihnen die “Suche” nach dem perfekten Endergebnis zu erleichtern, hilft es, verschiedene Bearbeitungsversionen abzuspeichern und nebeneinanderzustellen. Denn dadurch werden die Unterschiede der Ergebnisse sehr viel deutlicher als beim schrittweisen Vorgehen. Und um überhaupt Ideen zu finden, lohnt sich das Anschauen fremder Bilder in Zeitschriften, Online-Portalen, Bildbänden oder
Fotoausstellungen, die – gerade was Bearbeitungsstile angeht – ausgesprochen inspirierend sein können.

Eventuell ist es notwendig, vor der Anwendung mancher Werkzeuge die Farbtiefe auf 8 Bit zu reduzieren. Sollte das nicht verlangt werden, so können – und sollten – Sie ruhig auch die Farbbearbeitung mit der höchstmöglichen Farbtiefe, also wesentlich mehr als 256 Helligkeitsabstufungen je Farbkanal durchführen. Das bewahrt den Detailreichtum des Bilds. Mittlerweile sind auch immer mehr Bearbeitungsprogramme in der Lage, die höhere Farbtiefe zu verarbeiten. Die Prämisse lautet hier: So spät wie möglich reduzieren! Versuchen Sie also erst alle Bearbeitungsschritte durchzuführen, die bei mehr Farbtiefe möglich sind, und erst danach die Farbtiefe herabzusetzen

Photoshop: Bild > Modus > Farbtiefe
Photoshop Elements: Bild > Modus > Indizierte Farbe
PaintShop Pro: Bild > Farbtiefe verringern/erhöhen
Gimp: Bild > Modus >Indiziert
Aperture: Anpassungen > Bit-Tiefe der Farben
Lightroom: Voreinstellungen > Externe Bearbeitung > Bittiefe
Camera Raw: Arbeitsablauf-Optionen

Schritt 7: Helligkeit und Kontrast anpassen

Nach dem Verändern der Farben beziehungsweise gegebenenfalls der Umwandlung aller Farben in Graustufen benötigen nahezu alle Bilder noch eine weitere Kontrastoptimierung, und zwar die des Mittelton-Kontrasts. Und auch die Gesamthelligkeit des Bilds möchten Sie vielleicht anheben oder reduzieren. Meist ist es dabei sinnvoll, mehrfach zwischen den Schritten 6 und 7 hin- und herzuwechseln, weil eine Veränderung der Kontraste sich immer auch auf die Farben auswirkt.

Schritt 8: Schnitt anpassen

Ist Ihr Bild im Prinzip fertig bearbeitet, emp!ehlt sich nach dem Abspeichern ein kritischer Blick auf den Bildausschnitt. Ganz besonders wenn Ihre Kamera keinen 100% – Sucher hat, befinden sich an den Bildrändern manchmal noch Elemente, die Sie eigentlich gar nicht mit im Bild haben wollten. Hier den Ausschnitt anzupassen, kann die Aufnahme dann nur verbessern. Aber auch so macht es immer Sinn, prüfend zu schauen, ob der Bildausschnitt – und auch das Format – wirklich optimal ist. Das Bildformat zu ändern, verschenkt zwar immer Bildinformationen, kann eine Aufnahme aber auch enorm verbessern.

Eine Schnittoptimierung oder -veränderung sollten Sie grundsätzlich erst am Ende der Bearbeitung vornehmen, da sich manchmal im Zuge des kreativen Bildbearbeitungsprozesses der Blick auf die Aufnahme verändert. Stellen Sie dann erst fest, dass beispielsweise das Quadrat doch nicht die perfekte Wahl ist, wäre das sehr ärgerlich, denn Sie müssten von vorne beginnen. Bearbeiten Sie hingegen das Originalformat, bleiben alle Möglichkeiten offen.

Schritt 9: Ausgabeversion erstellen

Den letzten Schritt bildet die Aufbereitung für die Ausgabe, die darin besteht, die Bildgröße anzupassen und das Endergebnis zu schärfen sowie das passende Bilddateiformat zu wählen. Die passende Bildgröße und Auflösung richtet sich dabei in der Regel nach externen Vorgaben von Druckereien, Internetpräsenzen oder anderen Präsentationsmedien.

Beide Veränderungen sollten Sie nicht direkt in der hochaufgelösten und bearbeiteten Datei vornehmen. Speichern Sie die Ausgabedatei also immer als zusätzliche Kopie ab. Dadurch sammeln sich von einem guten Bild mit der Zeit vielleicht verschiedene Varianten in unterschiedlichen Größen und Auflösungen an, doch Sie behalten gleichzeitig die Flexibilität, immer wieder auf das große Bild zurückgreifen zu können, um eine weitere Ausgabedatei vom fertig bearbeiteten Bild zu erzeugen.

Ebenso sollte das Nachschärfen eines Bilds ausschließlich für die Ausgabe und in der Dateikopie erfolgen, da auch hier verschiedene Ausgabemedien nach unterschiedlichen Schärfungsgraden verlangen. Des Weiteren gehen durch die unterschiedlichen Schärfungswerkzeuge immer auch Bildinformationen unwiederbringlich verloren, und das sollte ebenfalls nicht die einzige aufwändig bearbeitete Version
betreffen.

Als letzten Schritt wählen Sie auch das Dateiformat passend zum Zweck der Veröffentlichung, da Online-Präsentationen beispielsweise das JPEG verlangen, während im Druck oder bei der Einbindung in Druckerzeugnisse auch andere Formate möglich sind.


Dieser Artikel ist folgendem Buch entnommen:
Fotografieren lernen, Band 3: Bildbearbeitung und Präsentation. Digitale Bilder verstehen und optimieren
Cora und Georg Banek
29,90 Euro(D) / 30,80 Euro(A)
254 Seiten, komplett in Farbe, Festeinband
ISBN: 978-3-89864-700-7


Weitere Informationen beim dpunkt-Verlag sowie bei Amazon.

Cora und Georg Banek leben und arbeiten in Mainz, wo sie Mitte 2009 ihr Unternehmen um eine Fotoakademie erweitert haben. Vorher waren sie hauptsächlich im Bereich der Auftragsfotografie für Unternehmen und Privatpersonen tätig und schreiben seit 2004 für Fachzeitschriften und Buchverlage.

2 comments

  1. S. Wickenkamp

    Vielen Dank für den Einblick in den Workflow bzw. das Buch. Sehr interessant. Ich denke, das Buch könnte in meinem Regal einen Platz finden… :-)

  2. Pingback: » Raw-Konvertierung und Marianne Pallas Fotografie aus Leidenschaft

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